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                                              Ansprache WGF 4. So im JK 22 Löffelsterz

Wie sollte man die gehörte - und etwas verkürzte - Lesung aus dem Buch Daniel überschreiben, liebe Schwestern und Brüder? Etwa: „Die Rettung der Susanna“? Oder: „Was zählt eine Frau vor Gericht“? Ich könnte noch weitere Titel finden - sie kreisen aber immer darum, wie sexuelle Gewalt historisch und heute gewertet wird - und was die Betroffenen dabei für eine Rolle spielen. Noch schwieriger wird es mit dem Evangelium nach Matthäus - denn so schön das Lob der Kinder und der Kindheit klingt, bleibt doch auch der Satz haften: „Wer einen von diesen Kleinen…zum Bösen verführt, für den wäre es besser, wenn er mit einem Mühlstein um den Hals im tiefen Meer versenkt würde.“ Würde das die Einführung der Todesstrafe bedeuten, die unser Grundgesetz für immer verboten hat - oder wie ist das zu verstehen?

Sie merken, liebe Schwestern und Brüder, da fühle ich eine Gänsehaut - und es rieselt mir kalt den Rücken herab. Vielleicht ist ein solches Gefühl aber notwendig, um das ganze Ausmaß des Missbrauchs zu verstehen - der sich zwar nicht nur in der katholischen Kirche ereignet hat - was aber selbstverständlich keine Entschuldigung ist. Vergleiche mit anderen Institutionen passen einfach nicht - jedes Verbrechen ist eines zu viel! Und wenn Sie fragen, was ich zu diesem Thema überhaupt zu sagen habe, verweise ich auf meine lange Tätigkeit als Richter am Amtsgericht in Schweinfurt - speziell als Vorsitzender des Schöffengerichts -, das solche Fälle öfter zu verhandeln hatte.

Deshalb zunächst einige allgemeine Feststellungen: Sexueller Missbrauch von Kindern und Jugendlichen, aber auch sexuelle Gewalt unter Erwachsenen, sind viel häufiger, als es amtliche Statistiken aufzeigen - das sog. „Dunkelfeld“ ist erheblich größer. In den meisten Fällen kennen sich Täter und Opfer - die Beweislage ist oft schwierig, weil es regelmäßig nur den oder die Betroffene als Zeugen gibt - alle diese Delikte sind mit Scham und vermuteter Unglaubhaftigkeit besetzt - gerade Kinder verdrängen manches Erlebte, so dass erst nach Jahrzehnten das Vergangene öffentlich gemacht wird. Speziell im kirchlichen Kontext kommen dann noch das Ansehen der Institution zumindest im abgelaufenen Jahrhundert und die Vertuschungsmanöver kirchlich Verantwortlicher dazu!

Nun aber der biblische Bezug - gerade am Sonntag des Wortes Gottes. Die Erzählung im Buch Daniel könnte wie ein Krimi 600 Jahre vor Christus verstanden werden, dessen Happy End sich aus dem Vertrauen auf Gottes Hilfe ergibt; sicherlich soll auch der junge Daniel hervorgehoben werden. Was mir aber besonders auffällt, ist die Rechtlosigkeit der Susanna, die nicht einmal gefragt wird, da das übereinstimmende Zeugnis der beiden Ältesten, die wohl auch sonst als korrupte Richter fungierten, ausreichend erschien. Und selbst nach der Intervention Daniels und dem Aufdecken der Lügen der beiden Ältesten wird Susanna mehr als Objekt betrachtet, das zu schweigen hat - denn sie wird erneut nicht gehört. Dieses patriarchalische System setzte sich aber in der Geschichte bis in unsere Zeit fort - und ist in vielen Ländern noch vorherrschend. Ob wir bei uns - oder in der Kirche - nicht auch noch Relikte finden könnten?

Einige Sätze sind natürlich auch zum Evangelium nötig! Es geht natürlich nicht um eine Wiedereinführung der Todesstrafe, wie ich es überzogen angedeutet habe, aber es geht darum, mit diesem drastischen Vergleich Jesu die Wertigkeit der Kinder und das Schandbare einer Verführung zum Bösen herauszuheben. Ich würde sogar noch weitergehen - und den Missbrauch oder die sexuelle Gewalt als schwerwiegende Verbrechen brandmarken. Und eine Erweiterung auf alle „Kleinen“, d.h. alle Schwachen, Ausgenutzten und Verachteten, könnte das Wertesystem unserer Gesellschaft umstürzen - was im Magnificat angesprochen ist!

Schließlich muss ich noch auf das Vertuschen und das fehlende Verständnis für die Betroffenen eingehen - denn auch der Begriff „Opfer“ kann dazu führen, diese mehr oder weniger als Objekte anzusehen. Hier ist nicht nur ein formelles Schuldbekenntnis nötig - und auch nur das Eingeständnis, das juristisch abgesichert ist, reicht nicht aus. Eine Institution, die sich als moralisch versteht und andere Menschen nach ihren Wertevorstellungen beurteilt, muss mit höheren Maßstäben gewertet werden. Deshalb hoffe ich, dass sich die Verantwortlichen dieser Aufgabe stellen - sonst sind alle Bekundungen schlicht wertlos und anmaßend.

Ein kurzes Wort noch zu den notwendigen Konsequenzen für das System der katholischen Kirche - dazu gehören nicht unbedingt die klassischen Forderungen wie die Abschaffung des Pflichtzölibats oder die Priesterweihe von Frauen - viel wichtiger ist ein neues Amtsverständnis und der Ausbau synodaler Strukturen - ganz besonders aber ein neues Verständnis für die Sündhaftigkeit nicht nur einzelner Menschen, sondern auch von Institutionen!

Liebe Schwestern und Brüder,

trotz diesem schwierigen Thema möchte ich die Hoffnung auf eine geläuterte Kirche nicht aufgeben - vielleicht können wir dann auch wieder leichter im Credo von der „heiligen katholischen und apostolischen Kirche“ sprechen.

Amen.

Diakon Dr. Michael Wahler

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